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Freiburgs Oberbürgermeister Martin Horn will mehr soziale Gerechtigkeit

Interview mit Martin Horn, Oberbürgermeister von Freiburg, geführt am 1. August 2026 anlässlich des Französischen Tages beim Zelt-Musik-Festival in Freiburg. Gespräch Jean-Luc Wertenschlag für Radio Quetsch, Radio WNE, L'Alterpresse 68 und alle motivierten Medien. Übersetzung Manuel Geist. Fotos Elise Gerrer.





  • Wir sind heute beim französischen Tag des ZMF und treffen einen jungen Mann namens Martin Horn. Er ist 41 Jahre alt, sieht aber eher wie 28 aus und ist... Seit acht Jahren Oberbürgermeister von Freiburg. Stimmt das?


[MARTIN HORN]

Oui, c'est vrai.


  • Wie wird man in so jungen Jahren Oberbürgermeister einer bedeutenden Stadt wie Freiburg?


Also das ist eine großartige Chance und ein großes Privileg, in dieser Stadt, für diese Stadt arbeiten zu dürfen als Bürgermeister. Es gab jetzt gerade mal eine Wiederwahl und... Als Oberbürgermeister bin ich auch Schirmherr hier über das ZMF und das ist eine der schönsten Aufgaben, weil das Zelt-Musik-Festival, das steht für Vielfalt, das steht für internationale Freundschaften, Verbindungen und es steht genau für das, was wir mehr brauchen, für mehr Miteinander und es steht nicht für mehr Gegeneinander.

Und unsere Antwort muss doch auf diesen Hass, auf den Krieg, auf das Gegeneinander der Welt, mehr Miteinander vor Ort sein und genau deswegen freue ich mich auch über den Deutsch-Französischen Tag heute beim ZMF.


  • In Deutschland muss ein Oberbürgermeister nach... seiner Wahl mit einem Gemeinderat zusammenarbeiten, in dem viele verschiedene Parteien vertreten sind. In Frankreich erhält die Liste, die die Kommunalwahl gewinnt, dagegen die absolute Mehrheit im Gemeinderat. Selbst wenn sie nur einen relativ kleinen... Stimmenanteil erreicht. In Freiburg müssen sie mit vielen politischen Gruppen zusammenarbeiten. Wie funktioniert das?


Das ist total unterschiedlich. In Freiburg haben wir 48 Mitglieder im Gemeinderat, die werden nach fünf Jahren gewählt. Und wir haben 17 verschiedene politische Gruppen.

Also 17 verschiedene Parteien und Gruppierungen, also ein absoluter Rekord auch in Baden-Württemberg. Und das macht Regieren natürlich ein bisschen schwieriger.

Und gleichzeitig bin ich als Oberbürgermeister für acht Jahre gewählt. Ich war damals der jüngste OB in ganz Deutschland. Und ich bin auch noch parteilos. Und deswegen geht es bei uns immer um die Sache und weniger um die Parteifarbe. Das heißt, wir ringen um die besten Lösungen, wir streiten um die besten Ideen. Aber am Ende ist es das Schöne, dass es keine Regierung und Opposition gibt, sondern es gibt eher einen... Die kommunale Ebene ist die einzige Ebene, die ohne Parteien funktioniert. Und deswegen kann ich als parteiloser Oberbürgermeister auch in Frankreich so gut wirken.



  • Zwischen Frankreich, Deutschland und der Schweiz gibt es viele Unterschiede. Zum Beispiel ist das Baden im Rhein in Basel oder auf der deutschen Rheinseite erlaubt. Auf der französischen Seite dagegen. häufig verboten. Wie lassen Sie solche Unterschiede erklären, obwohl wir so nah beendet leben?


Von Freiburg nach Frankreich sind es nur 4 Kilometer. Es ist sehr, sehr nah. Nach Basel sind es ein paar 40. Das heißt, grenzüberschreitende Kooperation ist unser tägliches Geschäft. Ich glaube wirklich genau in diese internationale Solidarität. Und trotzdem schüttel ich natürlich auch den Kopf. Ich schüttel den Kopf über komplizierte Politik, über zu viel Bürokratie und über unterschiedliche Regelungen auf der einen und auf der anderen Seite des Rheines. Und ich glaube, dass wir dort noch eine gemeinsame Aufgabe haben, dieses Vive la Mété Franco-Montenot mit noch mehr Leben zu füllen. Beispielsweise mit einer grenzüberschreitenden Mobilität. Ich habe die deutschen Grenzkontrollen sehr, sehr bedauert. Ich habe sie politisch kritisiert. Ich bin 500 Meter zur französischen Grenze aufgewachsen.

Ich feiere ein Europa der offenen Grenzen.

Ich feiere ein Europa, wo man zusammen unterwegs ist, wo man gemeinsame Projekte auf den Weg bringt und wo man sich nicht gegenseitig abschottet. Und deswegen hoffe ich sehr, dass wir in den kommenden Jahren hier, auch im Herzen Europas, mehr miteinander wagen und nicht mehr gegeneinander. Weil das ist genau das, was wir in der Welt gerade sehen. Das macht mich sehr traurig und darum werde ich politisch kämpfen. Und ich glaube, sehr viele in Freiburg sehen das genauso.


Youssoufa, Camille, Elise und Angela von Radio WNE auf radiophoner Entdeckungsreise durch Deutschland und das ZMF
Youssoufa, Camille, Elise und Angela von Radio WNE auf radiophoner Entdeckungsreise durch Deutschland und das ZMF

  • Sprechen wir über konkrete Projekte. Die Bahnverbindung Mulhouse Müllheim Freiburg existiert, zwar, funktioniert aber nur sehr unzureichend, trotz der Millionen Investitionen und des politischen Willens bleibt das Reisen zwischen Mulhouse und Freiburg kompliziert. Wie kann diese Verbindung wirklich verbessert werden?


Also ganz konkret ist, wir haben eine bestehende Verbindung nach Mulhouse mit dem Zug, aber die Verbindung ist so schlecht und genau deswegen habe ich mich mit Michèle Lutz und mit dem Mülhuser und dem Freiburger Gemeinderat gemeinsam eingesetzt. diese Verbindung wieder zu intensivieren. Das brauchen wir.

Und das Zelt-Musik-Festival, wo wir gerade sitzen, diese kulturelle Verbindung, dieses persönliche Verknüpfen von Generationen im Kunst-, im Kultur-, im Sport-, im Bildungs-, im Schulbereich, das ist das, was Freundschaften ausmacht.

Und das müssen wir stärken. Nicht mit großen Blabla-Worten, sondern mit konkreten Projekten und Taten. Die Verbindung, wenn wir über Zugverbindungen sprechen, dann liegt die natürlich insbesondere, das Problem auf der deutschen Seite. Unser deutsches System bei der Bahn ist leider in vielen Bereichen einfach nicht mehr auf dem Stand der heutigen Technik. Und die Taktung ist so hoch, dass die Strecke überlastet ist. Und der Fernverkehr hat immer Priorität und deswegen leidet der Nahverkehr. Und die große, große Entlastung wird erst mit dem dritten und vierten Gleis kommen, wo wir dann mit einem Multimilliardenprojekt ja eine deutliche Verbesserung der Nord-Süd-Verbindung entlang des Rheins bekommen. Und auf dieser Verbindung hat es dann auch wieder mehr Platz für die Züge. sodass sie zwischen Freiburg und Ruß pendeln können. Und trotzdem glaube ich, dass ich nicht bis dahin warten kann. Wir dürfen nicht bis dahin warten. Wir müssen alles tun, dass diese Verbindung, die jetzt gerade noch mal verbesserungsmöglich ist, auch punktuell verbessert wird.


  • Bis dahin bleiben nur das Auto oder der Flixbus für 7,99 Euro. Über die Bahnverbindung Colmar, Breisach und Freiburg, deren... Kosten jedes Jahr weiter steigen und bald eine Milliarde Euro erreichen könnten. Ohne dass sie jemals gebaut wird, wollen wir gar nicht erst sprechen. Was halten Sie eigentlich von Mulhouse, dieser Stadt mit vielen armen Menschen und gleichzeitig einer besonders jungen ...


Also ehrlicherweise feiere ich Mulhouse.

Mulhouse ist eine meiner absoluten Lieblingsstädte,

auch gerade im grenzüberschreitenden Kontext, weil es einfach a, ein paar wirkliche Freundschaften gibt, aber, ist Mulhouse halt, ich würde relativ platt sagen, nicht so geschleckt. Das ist eher so ein bisschen das echte Frankreich. Es ist nicht alles perfekt und es gibt genau auch Probleme und Herausforderungen, aber was mag ich? Eher so das echte Leben. Und ich finde, Mulhouse hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Entwicklung auch gemacht. Ich habe es davor schon gemacht, aber ich mag es jetzt genauso. Und daher bin ich sehr, sehr gerne in Mulhouse und freue mich, wenn ich bald besser mit dem Zug wieder hinfahren kann. Aber ich komme auch gerne sonst mit dem Auto rüber und bin einfach dankbar für diese besondere Nachbarschaftsstadt.


  • Wir haben von einem zeitweisen Austausch zwischen Bürgermeistern im Rahmen einer Städte Partnerschaft mit einer Stadt in Korea gehört. Könnten Sie sich vorstellen, eine Woche lang Oberbürgermeister von Mulhouse zu sein, während Friedrich Marke in dieser Zeit Oberbürgermeister von Freiburg wäre?


Also wir haben es zu zehn Jahren Partnerschaft für zehn Stunden gemacht, nicht für eine Woche. Aber es wäre natürlich eine sehr schöne Überlegung. Und die Frage ist ja, was würde man dann tun? Ich finde, Ecole 42 mit den Start-ups, genau, DMC, also was es dann alles gibt, aber genauso auch diesen Turm, ich weiß nicht, wie heißt es, diesen Europaturm, mit dem festbetonierten Drehkreuz, da was Spannendes draus zu machen. Oder auch gerade mit den Grünflächen oder mit den Kanälen. Also das heißt, das ist eine spannende Idee und ich freue mich vor allem, den neu gewählten Kollegen kennenzulernen. Leider habe ich die Tour de France verpasst, aber es ist echt ein mega Event gewesen und wir haben aus Freiburg-Mulhouse alle Daumen gedrückt.



  • Was wird das große Projekt Freiburgs? In Ihrer neuen Amtszeit sein, welche Prioritäten setzen Sie für die kommenden Jahre?


Also aktuell ist, wir arbeiten sehr stark am Wachstum dieser Stadt, weil Freiburg ist auch eine junge Stadt, die wächst. Wir haben das größte neue Quartier in ganz Deutschland in Freiburg, wo wir alleine über 20 neue Kindergärten planen, nur in einem neuen Stadtteil. Da kriegt man so ein Gefühl für diese Dimension.

Dieser Stadtteil wird über 15 bis 20 Jahre gebaut und am Ende über 5 Milliarden Euro.

Und mir ist es wichtig, dass wenn wir was neu bauen, dass es wirklich gut ist, dass die soziale Infrastruktur passt, dass wir für die Zukunft bauen, klimaadaptiv, viel Grünflächen. Aber genauso ist das Thema, das mich vor allem umtreibt, das soziale Gerechtigkeit. Ich glaube, es passiert gerade was in der Welt, auch in Deutschland, auch bei uns. in Baden-Württemberg und Freiburg und deswegen müssen wir wirklich uns stark dafür einsetzen, dass wir möglichst viel für soziale Gerechtigkeit tun. Und das ist eine große Herausforderung. Es ist eine noch größere Herausforderung bei den aktuellen knappen Kassen. Aber einer meiner Leitsprüche ist, nicht meckern, sondern machen. Das habe ich die letzte Amtszeit gemacht und ich freue mich, dass mir die Freiburgerinnen und Freiburger erneut das Vertrauen geschenkt haben für auch die kommenden acht Jahre. Das heißt, weniger meckern. mehr machen als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Konkrete Projekte, konkrete Taten, da freue ich mich drauf. Und zum Abschluss, toll, dass ihr da seid, ist auch ein wichtiges Puzzlestück in diesem heutigen deutsch-französischen Freundschaftstag.


  • Die Lösung wäre am Ende vielleicht ganz einfach, in Mulhouse zu investieren. Dort wäre der Bau eines neuen Stadtviertels vermutlich deutlich.


Vive l'amitié franco-allemande !


  • Es lebe das deutsch-französische Paar. Herzlichen Dank, Martin Horn. Vielen Dank auch an Manuel Geist für die Übersetzung und ein langes Leben dem Zeltmusikfestival Mulhouse loves Freiburg.


Freiburg loves Mulhouse !


Patrick Hell, Gemeinderat der Stadt Mulhouse, und Martin Horn
Patrick Hell, Gemeinderat der Stadt Mulhouse, und Martin Horn



Alle Beiträge, die am 1. August beim ZMF entstanden sind


Erinnerungsfotoalbum vom 1. August




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